Interview
Praxisassistenz: «Man lernt auf beiden Seiten»
Für Nina Schmutz war zu Beginn ihrer Praxisassistenz keineswegs klar, dass sie einmal Hausärztin werden würde. Heute weiss sie: Genau das ist ihr Weg. Rolf Grunder begleitet als Lehrarzt junge Ärzt:innen auf diesem Weg – und erlebt dabei immer wieder, dass Weiterbildung keine Einbahnstrasse ist. Ein Gespräch über den Sprung vom Spital in die Praxis, den Umgang mit Unsicherheit und darüber, weshalb gute Weiterbildung Zeit braucht.
VBHK-Magazin: Frau Schmutz, Sie kamen nach zwei Jahren Innerer Medizin im Regionalspital in die Hausarztpraxis. Weshalb wollten Sie überhaupt eine Praxisassistenz machen?
Nina Schmutz: Die Arbeit im Spital machte mir grossen Spass. Gleichzeitig merkte ich aber, wie viel Zeit administrative Aufgaben in Anspruch nahmen. Oft blieb dadurch weniger Raum für das, was mich eigentlich an der Medizin begeistert: die Arbeit mit den Patient:innen und die praktische Ausübung des ärztlichen Berufs. Deshalb wollte ich meinen Horizont erweitern und entschied mich für eine Praxisassistenz. Rückblickend war das eine der besten beruflichen Entscheidungen, die ich treffen konnte.
Wie haben Sie den Wechsel vom Spital in die Praxis erlebt?
Schmutz: Als ziemlich fordernd. Plötzlich gehörte das Nähen einer Wunde ebenso zum Alltag wie die Beurteilung eines verstauchten Sprunggelenks, die Einschätzung der Arbeitsunfähigkeit eines Menschen mit Depression, das Management chronischer Erkrankungen oder die Abklärung eines «neuen braunen Flecks» – und das alles im Viertel- bis Halbstundentakt.
Gerade am Anfang hatte ich manchmal das Gefühl, gewisse Teile des Medizinstudiums verpasst zu haben, insbesondere Lektionen in Orthopädie und Dermatologie. Im Austausch mit anderen Praxisassistenzärzt:innen stellte ich aber schnell fest, dass dieses Gefühl viele kennen.
Überrascht Sie diese Erfahrung, Herr Grunder?
Rolf Grunder: Nein. Die Hausarztmedizin verlangt eine enorme fachliche Breite. Wir betreuen Menschen jeden Alters, behandeln akute und chronische Erkrankungen, übernehmen Notfälle, begleiten psychisch belastete und palliative Patient und koordinieren komplexe Behandlungen mit Spezialist:innen, Spitälern, Pflege und weiteren Gesundheitsberufen. Vieles davon lässt sich nur begrenzt aus Büchern lernen. Genau deshalb ist die Praxisassistenz so wichtig.
Frau Schmutz, hatten Sie angesichts dieser Breite manchmal das Gefühl, ins kalte Wasser geworfen zu werden?
Schmutz: Gefordert war ich auf jeden Fall, aber ich empfand die Situation nie als Überforderung. Das lag vor allem an der hervorragenden Betreuung durch die Hausärzt:innen in unserer Gruppenpraxis, an der grossen Unterstützung durch die MPAs und an der Wertschätzung der Patient:innen. Sie alle haben dazu beigetragen, dass ich jeden Tag dazulernen und mich fachlich wie persönlich weiterentwickeln konnte. Sehr hilfreich war für mich auch das Berner Curriculum für Allgemeine Innere Medizin mit seinen regelmässigen Karriereberatungsgesprächen.
Was ist eine Praxisassistenz?
Bei einer Praxisassistenz absolvieren Assistenzärzt:innen einen befristeten Teil ihrer ärztlichen Weiterbildung in einer Hausarztpraxis. In der Regel dauert dieser Einsatz sechs Monate bei einem Vollzeitpensum, bei Teilzeit entsprechend länger. Die Assistenzärzt:innen führen zunehmend selbstständig Sprechstunden und lernen die ganze Breite der hausärztlichen Versorgung kennen – von akuten Beschwerden und chronischen Erkrankungen bis zu psychischen oder psychosozialen Fragestellungen.
Begleitet werden sie von erfahrenen Lehrärzt:innen, mit denen sie Fälle besprechen und medizinische Entscheidungen reflektieren. So verbindet die Praxisassistenz praktische Weiterbildung mit einem unmittelbaren Einblick in den Berufsalltag der Hausarztmedizin.
Wie findet man als Lehrarzt das richtige Mass zwischen Begleitung und Selbstständigkeit?
Grunder: Das ist tatsächlich eine zentrale Aufgabe. Nicht alle Assistenzärzt:innen benötigen dieselbe Unterstützung. Manche möchten einen Fall zunächst selbstständig bearbeiten, andere brauchen früher Rückversicherung. Als Lehrarzt muss ich versuchen, diese Bedürfnisse zu erkennen und meine Begleitung entsprechend anzupassen. Verantwortung wird schrittweise übertragen, gleichzeitig bleibe ich für die Sicherheit der Patient mitverantwortlich.
Wie sieht diese Begleitung im Praxisalltag konkret aus?
Grunder: Typischerweise zieht mich eine Assistenzärztin oder ein Assistenzarzt nach Information der Patient:innen zu einer Konsultation bei. Gemeinsam ergänzen wir Anamnese und Befund und entwickeln mit den Patient:innen eine diagnostische oder therapeutische Strategie. Dabei möchte ich nicht einfach eine Lösung vorgeben. Entscheidend ist, den klinischen Gedankengang nachvollziehbar zu machen: Welche Diagnose ist wahrscheinlich? Welche gefährliche Erkrankung darf nicht verpasst werden? Welche Abklärung ist notwendig – und wann ist bewusstes Abwarten vertretbar?
Wie erlebt man diesen Schritt auf der anderen Seite – zunehmend selbstständig zu arbeiten und trotzdem zu wissen, dass man jederzeit Rücksprache halten kann?
Schmutz: Diese Begleitung war für mich sehr wichtig. Mit zunehmender Erfahrung arbeitet man immer selbstständiger und führt einen grossen Teil der Sprechstunden eigenverantwortlich. Trotzdem befindet man sich weiterhin in Weiterbildung. Gerade deshalb braucht es die Möglichkeit, Fälle zu besprechen, Feedback zu erhalten und sich mit den Lehrpraktiker fachlich auszutauschen. Diese Kombination aus wachsender Eigenverantwortung und guter Begleitung hat mir viel Sicherheit gegeben.
Ist gerade der Umgang mit Unsicherheit etwas, das man in der Praxis erst lernen muss?
Grunder: Unbedingt. Medizinische Unsicherheit gehört zur Hausarztmedizin. Nicht jeder Befund lässt sich sofort eindeutig einordnen. Manchmal ist es richtig, auf zusätzliche Untersuchungen zu verzichten. In anderen Situationen sind trotz eines zunächst unauffälligen Befundes weitere Abklärungen nötig, weil die Gesamtsituation nicht stimmig erscheint. Dieses klinische Gespür entwickelt sich mit der Erfahrung und durch das gemeinsame Besprechen konkreter Fälle.
Wird man mit der Zeit gelassener im Umgang mit dieser Unsicherheit?
Schmutz: Man gewinnt auf jeden Fall Sicherheit und Erfahrung. Entscheidend ist für mich aber gerade, dass dafür Zeit zur Verfügung steht – für Fallbesprechungen, Feedback und den fachlichen Austausch. Im hektischen Praxisalltag ist das nicht immer einfach. Wenn diese Zeit bewusst eingeplant wird, profitieren beide Seiten.
Profitieren tatsächlich auch Sie als erfahrener Arzt davon?
Grunder: Ja, ganz klar. Praxisassistenz ist keine Einbahnstrasse. Natürlich gebe ich Wissen, klinische Erfahrung und ärztliches Handwerk weiter. Aber junge Kolleg:innen bringen neue Fragen, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und andere Sichtweisen in die Praxis. Plötzlich muss man Entscheidungen erklären, die einem selbst längst selbstverständlich erscheinen. Und manchmal merkt man dabei, dass Routine an die Stelle bewusster Reflexion getreten ist. Das hält auch mich neugierig und fachlich in Bewegung.
Gibt es Momente, in denen diese gemeinsame Reflexion besonders wichtig wird?
Grunder: Ja, vor allem in schwierigen Situationen. Dazu gehören beispielsweise akute psychische Notfälle, insbesondere bei Suizidalität. Hier ist meist eine gemeinsame Betreuung notwendig. Nach der Akutsituation finde ich ein Debriefing wichtig: Wie wurde die Situation erlebt? Was ist gut gelungen? Was können wir daraus lernen? Dabei kann die aufmerksame und oft unvoreingenommene Sicht junger Kolleg:innen auch für uns Erfahrene sehr wertvoll sein.
Es gibt aber auch Situationen, in denen die persönliche Integrität der Assistenzärzt:innen im Vordergrund steht. Bei jungen Ärztinnen kommt es beispielsweise vor, dass einzelne Patienten die notwendige persönliche Distanz nicht respektieren. Dann muss man diese Wahrnehmung ernst nehmen, Handlungsmöglichkeiten besprechen und das klare Formulieren persönlicher Grenzen unterstützen. In einem Fall war es notwendig, dass der betreffende Patient anschliessend nur noch durch mich betreut wurde.
Und auf der anderen Seite: Wann merken Sie als Lehrarzt, dass eine junge Ärztin oder ein junger Arzt wirklich Sicherheit gewonnen hat?
Grunder: Besonders eindrücklich ist es natürlich, wenn Assistenzärzt:innen schwerwiegende Diagnosen erkennen und die entscheidenden Abklärungen veranlassen – etwa bei Neoplasien oder akuten kardio- und neurovaskulären Ereignissen. Solche Erfahrungen stärken das fachliche Selbstvertrauen und häufig auch die Beziehung zu den Patient:innen.
Besonders schön fand ich Situationen, in denen Patient:innen nach einer Krebsdiagnose ausdrücklich weiterhin durch ihre Assistenzärztin oder ihren Assistenzarzt betreut werden wollten. Manche vermissten ihren jungen Arzt nach Abschluss der Praxisassistenz sogar. Das zeigt, dass auch in einem begrenzten Weiterbildungsabschnitt Kontinuität und echtes Vertrauen entstehen können.
Diese Beziehung zu den Patient:innen ist etwas, das man aus dem Spital in dieser Form vermutlich weniger kennt. Hat das Ihren Blick auf die Hausarztmedizin verändert?
Schmutz: Sehr. Gerade die oft langjährige Beziehung zu den Patient:innen ist für mich eine der besonderen Seiten der Hausarztmedizin. Dazu kommen die enorme fachliche Breite, die abwechslungsreiche und unmittelbare Medizin und die Zusammenarbeit in einem kleinen, eingespielten Team. Als ich meine Praxisassistenz begann, war für mich keineswegs klar, dass ich einmal Hausärztin werden möchte. Heute sehe ich das anders. Für mich ist die Hausarztmedizin genau der richtige Weg.
Gab es diesen einen Moment, in dem Ihnen das klar wurde?
Schmutz: Einen einzelnen Moment könnte ich nicht nennen. Es war vielmehr die Erfahrung des Praxisalltags als Ganzes. Ich habe erlebt, wie vielfältig die Tätigkeit ist und wie viel Raum sie für die direkte Arbeit mit Patient:innen bietet. Genau das hatte mir zuvor teilweise gefehlt. Im Verlauf der Praxisassistenz wurde mir deshalb immer klarer, dass ich mir meine berufliche Zukunft in der Hausarztmedizin vorstellen kann.
Wenn eine Praxisassistenz dazu führt, dass sich eine junge Ärztin für die Hausarztmedizin entscheidet – ist das der Idealfall?
Grunder: Es ist natürlich besonders erfreulich. Und wir sehen den Effekt ganz konkret in unserer Praxis. Mehrfach konnten wir Praxisassistenzen verlängern, um beispielsweise Sabbaticals von Partnerärzten oder krankheitsbedingte Ausfälle zu überbrücken. Einzelne Assistenzärztinnen wurden anschliessend als angestellte Ärztinnen weiterbeschäftigt. Und aus dem Kreis ehemaliger Praxisassistentinnen konnten wir bereits zwei Partnerärztinnen gewinnen, die mittlerweile Führungsfunktionen übernommen haben. Praxisassistenz ist damit auch ein wirksames Instrument für Nachwuchsförderung, personelle Kontinuität und langfristige Praxisentwicklung.
Frau Schmutz, Sie sind also gewissermassen selbst ein Beispiel dafür, dass Praxisassistenz Nachwuchs für die Hausarztmedizin gewinnen kann. Was würden Sie jungen Kolleg:innen sagen, die noch nicht wissen, ob dieser Weg etwas für sie ist?
Schmutz: Ich wünsche mir, dass möglichst viele die Möglichkeit bekommen, diese Erfahrung selbst zu machen. Bei mir war zu Beginn ja ebenfalls keineswegs klar, wohin der Weg führen würde. Die Praxisassistenz erleichtert den Einstieg in die Grundversorgung und kann Begeisterung für diesen Beruf wecken. Gleichzeitig stärkt sie die Zusammenarbeit zwischen Hausärzt:innen, Spitälern und Spezialist:innen. Davon profitieren am Ende alle.
Was braucht es, damit dieses Modell funktioniert?
Schmutz: Vor allem gute Betreuung – und genügend Zeit dafür. Dieser zusätzliche Aufwand muss auch finanziell angemessen abgegolten werden. Gute Weiterbildung kostet Zeit, und diese Zeit ist eine Investition in die nächste Generation von Hausärzt:innen. Eine wertvolle Ergänzung sind aus meiner Sicht zudem praxisnahe Weiterbildungsangebote wie jene der MediX Academy, die gezielt Kompetenzen vermitteln, die im Praxisalltag gefragt sind.
Grunder: Das sehe ich genauso. Die Aufgabe als Lehrarzt kostet Zeit und Energie und braucht deshalb verlässliche Rahmenbedingungen und eine angemessene Abgeltung. Gleichzeitig gibt sie sehr viel zurück: neue Impulse, fachliche Anregung, interessante Begegnungen und das gute Gefühl, etwas Nachhaltiges zu bewirken.
Zum Schluss: Wenn Sie die Praxisassistenz in einem Gedanken zusammenfassen müssten – welcher wäre das?
Schmutz: Für mich ist sie weit mehr als ein Weiterbildungsabschnitt. Sie ist einer der wichtigsten Bausteine für die Zukunft der Hausarztmedizin. Davon profitieren am Ende alle. Am meisten aber unsere Patient:innen.
Grunder: Wer junge Ärzt:innen ausbildet, gibt nicht nur Wissen weiter. Er gestaltet die Medizin von morgen mit.