Carte Blanche
Die Kosten des Gesundheitswesens
Alle klagen über die wachsenden Gesundheitskosten, seit Jahrzehnten – und ein Ende ist nicht in Sicht. Anstelle von erfolglosen Tarifmassnahmen können nur Verhaltensänderungen ein «Gamechanger» sein.
Politische und tarifarische Massnahmen gegen die gefühlt eher exponentiell als linear wachsenden Gesundheitskosten laufen routinemässig ins Leere. Zu vielfältig und komplex sind die zugrundeliegenden Faktoren. Wenn an einem Rädchen gedreht wird, ergeben sich andernorts unvorhersehbare Reaktionen.
E-Health mit dem elektronische Patientendossier kommt, auch nach der Umbenennung in elektronisches Gesundheitsdossier, nicht in Fahrt. Digitale Innovationen lösen oft mehr Kosten als eine Sparwirkung aus. Auch die geplante allgemeine Deckelung der tarifarisch abrechenbaren Zeit dürfte ihre Wirkung verfehlen und sich eher als gedacht zu einem neuen administrativen Monsterproblem entwickeln. Dagegen sollten wir uns grundsätzlich wehren, auch wenn wir Haus- und Kinderärzt:innen – zumindest vorerst – davon nicht betroffen sein dürften.
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Ein Grossteil der wachsenden Kosten ist begründet durch die Demographie sowie durch sinnvolle medizinische Innovationen für bessere Abklärungen und Therapien. Diese sind durchaus berechtigt. Da sind wir uns einig, nicht wahr?
Zweifellos gibt es aber auch weniger Nützliches bis Schädliches, das wir Ärzt:innen den Menschen anbieten und das die Menschen von uns fordern. Da sind wir uns auch einig, denke ich.
Betrachten wir einige Bereiche, die sich für die Gesundheitsversorgung als «unnötig» kostentreibend auswirken und die – umgekehrt – ein sinnvolles Sparpotential in sich bergen:
- Ungewissheit und «Angst vor…» – bei Ärzt:innenund Patient:innen – scheinen mir ein Haupttreiber für unsere überbordende Medizin zu sein. Unbeachtet führt Angst zu einer defensiven Medizin und zu «mehr ist besser»-Strategien. Man will und darf nichts «verpassen».
- Wissen versus Halbwissen – bei Ärzt:innen infolge fehlverstandener «Evidence based medicine» und bei Patient:innen infolge Beeinflussung durch Werbung und anderweitige Informationsquellen – führt zu überhöhten Versprechungen und Erwartungen sowie zur Überschätzung des Nutzens und Unterschätzung des Risikos von Abklärungen und Behandlungen.
- Pseudoinnovationen und Absenkung von Grenzwerten führen zu unnötigen Therapien und Kontrollen mit oft nur minimalem Zusatznutzen.
- Anspruchshaltung führt zu forderndem «nice to have» statt angemessenem «need to have».
- Ökonomische Zwänge und Gier führen zur maximalen Nutzung des Tarifs, hart an der Grenze des Erlaubten oder sogar jenseits davon auf der betrügerischen Seite.
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Diese Gegebenheiten mit ihren enormen und unnötigen Kostenfolgen entziehen sich politischen und tarifarischen Massnahmen. Hier ist eine Verhaltensänderung gefragt, von allen direkt Involvierten, aber auch von unserer Gesellschaft als Ganzes.
Wir Ärzt:innen können vorausgehen mit einer sorgfältigen personenbezogenen ärztlichen Arbeit. Mit einer auf Beziehung und Vertrauen basierenden respektvollen Zusammenarbeit mit den Patient:innen können wir eine gut strukturierte Sprechstunde gestalten, die für beide Seiten Orientierung und Sicherheit in der Ungewissheit vieler Situationen schafft. Mit geeigneten Fragen der Ärzt:innen können wir die von Patient:innen über ihr Problem / ihre Situation geschaffene Wirklichkeit ergründen und die ratsuchenden Menschen aktiv in das Geschehen einbeziehen. Mit gemeinsamen Entscheidungen können wir Abklärungen und Therapien möglichst geradlinig gestalten. Gefolgt von sinnvollen Kosten.
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Gesundheitliche Probleme sind existenzielle Bedrohungen und gehen den Betroffenen «unter die Haut». Die Medizin ist nicht ein Handelsgut wie alle anderen und folgt eigenen Regeln. Keinesfalls den Regeln des Marktes, der sich durch Preise, Subventionen, Zölle und Zinspolitik regeln lässt.
Scheuen wir uns nicht, dies anlässlich von Verhandlungen den Politiker:innen und Verantwortlichen zu sagen, immer wieder zu sagen, falls nötig. Wir dürfen nicht voraussetzen, dass sie dies verstanden haben.
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Was ich euch aber vor allem ans Herz legen möchte: Lasst euch nicht beirren durch die ewigen Tarifdiskussionen. Bewahrt die Freude an unserem Beruf. Die Patient:innen werden es euch danken.