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Das Magazin der Berner Haus- und Kinderärzt:innen

Lesedauer ca. 3 Min.

Plädoyer für eine neue hausarztmedizinische Zeitschrift

Plädoyer für eine neue hausarztmedizinische Zeitschrift

Die Medizin driftet immer mehr in eine technische Richtung. Ihre ärztliche personenbezogene Seite hingegen droht ins Abseits zu geraten. Dagegen müssen wir Hausärzt:innen uns einsetzen.

Offenbar stosse ich mit meinem Plädoyer offene Türen ein. Habe ich doch kürzlich gelesen, dass ab Herbst dieses Jahres eine Nachfolge-Zeitschrift für ‘Primary and Hospital Care’ erscheinen wird. Meine aktuelle Carte blanche hatte ich jedoch schon einige Tage vor dieser erfreulichen Nachricht zu schreiben begonnen. Wegen der Dringlichkeit des Anliegens habe ich beschlossen, den Text trotzdem zur Publikation einzureichen. 

Ich befürchte, dass die Hausarztmedizin mit ihrem Wesen, ihrer Kraft und ihren Stärken wieder «draussen vor der Tür» landen könnte, wenige Jahre nachdem sie nach zähem Ringen an allen Universitäten einen eigenen Lehrstuhl erkämpfen konnte. Denn wo hört und liest man von der Hausarztmedizin und uns Hausärzt:innen, ausser wenn es sich in den Medien einmal mehr um tarifarische Themen dreht?  

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Wer kann heutzutage davon lesen, wie wir mit vollem Einsatz, oft über unsere Kräfte hinaus, da sind für unsere Patient:innen? Wie wir umgehen mit den immer komplexeren Abklärungen, Behandlungen und Präventionen gemäss immer strengeren Algorithmen mit immer tiefer angesetzten Normwerten? Wie wir gesunde Menschen mit «Angst vor…» beraten, die immer mehr von uns fordern, beeinflusst von angstmachenden Berichten auf allen medialen Kanälen über allgegenwärtige gesundheitliche Risiken und angespornt von teils skurrilen Angeboten zur Verbesserung der Langlebigkeit sowie zum Enhancement von Körper, Geist und Gemüt? Und wie wir den Tsunami administrativer Arbeiten bewältigen? 

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Eine neue hausarztmedizinische Zeitschrift ist dringend erforderlich, und sie sollte weit über die Ärzteschaft hinaus, insbesondere in die politischen Gefilde, verbreitet werden. Darin können wir reflektieren, was die Hausarztmedizin ausmacht. Über ihr Wesen und ihre Besonderheiten nachdenken. Über unser beziehungsorientiertes und personenbezogenes ärztliches Handeln in einem guten Zusammenspiel mit den Ärzt:innen der hochspezialisierten Medizin und mit Berufsleuten aus den weiteren Bereichen von «cure und care».  

Wir Hausärzt:innen können uns gegenseitig austauschen über das Arzt-Sein und Arzt-Werden in Zeiten einer allgegenwärtigen «altius, citius, fortius»-Mentalität, über Gesundheit und Gesundsein, Krankheit und Kranksein und zudem über unser eigenes Befinden. Wir können nachdenken über statistische Signifikanz von Abklärungen, Therapien und Präventionen und deren patientenbezogene Relevanz, über die heilende Kraft von Empathie und die Wirkung von Authentizität. 

Wir können über die grundlegende Bedeutung von Beziehung und Vertrauen für jedes ärztliche Handeln schreiben. Über die therapeutische Wirkung ungeteilter zugewandter Aufmerksamkeit, beobachtenden Zuwartens, aktiven Zuhörens und zielführenden Fragens reflektieren – mit Fragen, die den Patienten aktiv einbeziehen und seine geschaffene Wirklichkeit, seine Bedenken, Erwartungen und Ressourcen herausarbeiten.  

Wir können uns befassen mit der Bedeutung, die oft eingeengte Perspektive der Patient:innen zu erweitern, die Wirklichkeiten von Ärzt:in und Patient:in auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und die Patient:innen zu ermächtigen, gemeinsam mit den Ärzt:innen die für sie «richtigen» Entscheidungen zu treffen, ihre persönlichen Stärken / Ressourcen einzubeziehen und auf diesen Säulen und Erkenntnissen eine wirksame Therapie aufzubauen. Houch… Kurz über all das, was ärztliches Handeln über das rein Medizinische hinaus erst wirkungsvoll macht.  

Bruno Kissling, Hausarzt im Ruhestand seit 2019