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Das Magazin der Berner Haus- und Kinderärzt:innen

Lesedauer ca. 6 Min.

«Die Attraktivität der Arbeitsmodelle der Haus- und Kinderärzt:innen gilt es gemeinsam zu optimieren»

Interview

«Die Attraktivität der Arbeitsmodelle der Haus- und Kinderärzt:innen gilt es gemeinsam zu optimieren»

Im Interview: Philipp Banz, Vorsteher des Gesundheitsamts, über attraktivere Arbeitsmodelle, konkrete Ansätze zur Stärkung der Grundversorgung im Kanton Bern – und die Herausforderungen in seinem Amt.

Sie haben letztes Jahr Ihr Amt angetreten. Was war damals Ihre erste Amtshandlung? 
In den ersten sechs Monaten gab es drei primäre Fokusthemen. In erster Linie war es wichtig, das Wissen über die vielseitigen internen Aufgaben und Prozesse aufzubauen. Zudem galt es, den Stand der Jahresziele 2025 zu kennen und diejenigen für das kommende Jahr aufzuarbeiten. Das dritte Fokusthema war der Start der externen Vernetzung mit den relevanten Anspruchsgruppen, denn der direkte Kontakt ist mir sehr wichtig. 

Als neuer Vorsteher des Gesundheitsamtes haben Sie ein grosses Amt mit grossen Herausforderungen übernommen. Welches sind in Ihren Augen die drei grössten?  
Die kommenden Jahre werden Themen wie EFAS, die Spitallisten sowie die Angebote Langzeitpflege 2030 und die weitere Umsetzung des 4+-Regionen-Modells gemäss der Gesundheitsstrategie des Kantons eine hohe Priorität behalten. 

Das Gesundheitswesen ist eine hochkomplexe Verbundaufgabe mit ganz vielen involvierten Stakeholdern. Entsprechend exponiert sind Sie in Ihrer neuen Funktion. Was ist Ihnen angesichts dessen besonders wichtig? 
Wichtig ist ein zeitgerechter, direkter und konstruktiver gegenseitiger Austausch zwischen den Anspruchsgruppen. Weiter ist es mir ein Anliegen, in den jeweiligen Gesprächen lösungsorientiert zu agieren, jedoch auch gegenseitig transparent aufzuzeigen, wie gemeinsame Ziele erreicht werden können, aber auch klar zu machen, wo diese basierend auf den aktuellen Ausgangslagen nicht oder noch nicht möglich sind.

Die gegenseitige Abstimmung hinsichtlich notwendiger Fristen, die zur Ausarbeitung von gewissen Entwicklungen nötig sind, erachte ich ebenfalls als zentral, um eine verbindliche und gute Zusammenarbeit zu pflegen.

Die ärztliche Grundversorgung im Kanton Bern läuft am Limit, und die Situation wird sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen. Welche Möglichkeiten sehen Sie, um die Grundversorgung zu sichern und die Haus- und Kinderärzt:innen zu unterstützen?  
Um in diesem Bereich Lösungen zu erwirken, werden parallellaufende Massnahmen nötig sein. Die Attraktivität der Arbeitsmodelle der Haus- und Kinderärzt:innen gilt es gemeinsam zu optimieren. Die Lösung sehe ich hier in der Förderung von Gemeinschaftspraxen oder gemeinsam betriebenen Praxen, damit die Arbeitslast von z.B. administrativen Tätigkeiten oder auch Investitionen gemeinsam koordiniert werden können. Solche Modelle ermöglichen es zudem, dass auch Arbeitsstellen in Teilzeit angeboten werden können und damit ein Beitrag geleistet wird, dass die Fachpersonen länger in ihren erlernten Berufen tätig bleiben. 

Seitens Ausbildung wollen wir von Seiten Kanton unsere bisherigen Unterstützungsmöglichkeiten weiterhin beibehalten und sind auch offen, diesbezüglich neue Ideen gemeinsam zu prüfen. Der Aufbau eines Instituts für Grundversorgung von Seiten Universität könnte hierzu einen wichtigen Beitrag leisten, um die Versorgung von Kinder- und Hausärzten aber auch von Psychiatern langfristig zu stärken. Der Abbau von administrativen Arbeiten ist ein weiteres und in den letzten Jahren bereits oft angesprochenes Thema. Es liegt mir fern, in Aussicht zu stellen, dass ich meinerseits hier die entscheidende Lösung finden werde. Es scheint mir jedoch am erfolgversprechendsten, wenn man in kleinen organisatorischen Einheiten neue Methoden zum Abbau der administrativen Aufgaben prüft und diese bei erfolgreicher Umsetzung publiziert, dass sie von anderen Leistungserbringern übernommen werden können. 

Ein weiteres Potenzial zum Abbau von administrativen Tätigkeiten sehe ich auch in der Förderung des gegenseitigen Vertrauens, welches in den letzten Jahrzehnten teilweise verloren gegangen ist. Wie eingangs zu dieser Antwort erwähnt, bedingt die Behebung von dieser Herausforderung eine Vielzahl von parallellaufenden Massnahmen. Von Seiten Kanton werden wir weiterhin gerne aktiv mitwirken, diese Massnahmen zu erkennen, zu priorisieren und einen Beitrag für die Umsetzung zu leisten.

Sie haben den administrative Arbeiten in den Praxen angsprochen. Heute ächzen viele Kolleg:innen unter den bürokratischen Verpflichtungen für Versicherungen und Behörden, dazu kommen aufwändige Irrungen und Wirrungen rundum die Digitalisierung. Wo sehen Sie hier als Gesundheitsbehörde ganz konkret die grössten Hebel, damit Ärzt:innen wieder mehr Zeit für Patient:innen haben? 

Ich möchte hierbei auf meine Ausführungen zur Frage 4 verweisen. Das Gesundheitsamt ist gerne bereit, mit den entsprechenden Fachverbänden Lösungen zu besprechen, diese gemeinsam zu priorisieren und die Umsetzung wo möglich zu unterstützen.

Wir müssen zudem zur Kenntnis nehmen, dass mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen zeitweise unklare Signale gesendet werden. Es ist bekannt, dass die Schweiz einen Aufholbedarf von rund 10 zehn Jahren hat. Wir müssen jetzt pragmatisch vorgehen, nicht alles neu erfinden wollen, auf gute Lösungen setzen und die Digitalisierung weiter vorantreiben. Im Kanton Bern haben wir bereits viele Projekte verwirklicht und in den Betrieb überführt. Wir teilen unser Wissen und unsere Erfahrungen schon seit Jahren mit anderen Interessierten. 

Die Nachwuchsförderung ist eine der grössten Baustellen der Grundversorgung. Sie haben es oben schon angesprochen. Mit dem Praxisassistenzprogramm unterstützt der Kanton ein sehr effektives Instrument. Zudem verlangt der Grosse Rat eine Erhöhung der Anzahl Studienplätze. Welche weiteren Massnahmen schweben Ihnen vor, um junge Ärzt:innen für eine Tätigkeit im Kanton Bern zu gewinnen?

Damit wir junge Ärztinnen und Ärzte für eine möglichst lange Zeit in ihrem Beruf für den Kanton Bern gewinnen und halten können, braucht es geeignete Arbeitsmodelle, teilweise gibt es schon, sie müssen entwickelt werden. Nebst den bereits erwähnten Handlungsspielräumen sollten die Möglichkeiten der Gemeinden ebenfalls geprüft werden, wie z.B. geeignete Praxis-Infrastrukturen geschaffen werden könnten. Ich bin überzeugt, dass Investitionen von Gemeinden in diese Richtung mittel- bis langfristig einen hohen Gegenwert für deren Attraktivität erwirken.

Was für eine Beziehung haben Sie zu Ihrer Hausärztin und wann waren sie das letzte Mal dort?

Ich glaube, das letzte Mal war ich im Jahr 2023 bei meiner Hausärztin. Teilweise nutze ich jedoch auch das Versicherungsmodell der Telemedizin meiner Krankenversicherung. Beide Möglichkeiten erachte ich als wertvoll, um die richtige Behandlungsart zu erkennen.

Zum Schluss: Wenn Sie in zehn Jahren ihr Dienstjubiläum feiern, was wird sich bis dann im Gesundheitssystem im Kanton Bern verbessert haben? 

Wir haben das Ziel erreicht, wenn wir weiterhin die geeignete Medizin in der richtigen Menge und Qualität der Bevölkerung zur Verfügung stellen können. Die Möglichkeiten der Prävention gilt es dabei ebenfalls zu beachten und, wo sinnvoll, zu nutzen. Wir richten das gesamte Gesundheitswesen neu auf die integrierte Versorgung aus, bei der alle Stakeholder in ihren spezifischen Rollen zusammenspielen; immer zum Wohl der Bevölkerung.