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Das Magazin der Berner Haus- und Kinderärzt:innen

Lesedauer ca. 3 Min.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Editorial

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Der Praxisalltag fordert viel: hohe Belastung, knappe Ressourcen und wachsende Anforderungen. Was uns trägt, sind stabile Rahmenbedingungen und eine engagierte Standespolitik. Sie schafft Freiräume, entlastet – und stärkt jene, die täglich Verantwortung für Patient:innen übernehmen.

Die Tage sind grau, der Kalender ist übervoll, die To-do-Liste wächst mit jeder Stunde. Zwischen Gesprächen mit Patient:innen, Notfällen und Administrativem scheint die Zeit zu zerrinnen. Und dann kommt alles zusammen: Die Umstellung auf TARDOC steht an, die Praxisassistentin fällt krankheitsbedingt aus, der Kühlschrank gibt nach 15 Jahren den Geist auf. Der Tag hat zwölf Stunden – aber manchmal fühlen sie sich an wie sechs. Wann war das letzte Mal Zeit für Sport, ein Hobby oder einfach ein Gespräch mit dem Partner? 

Es gibt aber auch diese Tage, an denen ist der Himmel hell und blau. Ein guter Kurs (PraxisUpdate) bringt Struktur, eine richtige Entscheidung wirkt nach, und plötzlich ist wieder Luft zum Atmen, die Perspektive kehrt zurück. Unsere tägliche Arbeit verlangt viel – fachlich, emotional und organisatorisch. Wir tragen Verantwortung, treffen Entscheidungen, begleiten Menschen durch Krisen. Das gelingt nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: stabile Strukturen, planbare Abläufe, ein verlässliches Umfeld. 

Diese Stabilität ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Medizinische, politische und wirtschaftliche Entwicklungen greifen ineinander – mit unmittelbaren Folgen für unseren Berufsalltag. Gerade deshalb braucht es eine starke, engagierte Standespolitik. Sie ist keine abstrakte Institution, sondern es sind unsere Stimmen, die unsere Anliegen vertreten im Einsatz für weniger Administration, für bessere Rahmenbedingungen und für eine zukunftsfähige Medizin. 

Ein Gedanke von Carlos Quinto in der letzten Ausgabe der Ärztezeitung hat mir besonders gefallen: Alle Kolleg:innen, die sich nicht aktiv engagieren wollen oder können, sollten Mitglied in einem Berufsverband und in der Fachgesellschaft sein, damit die Kolleg:innen, die sich dort für uns alle engagieren und für den Berufsstand kämpfen, genug Ressourcen zur Verfügung haben.  

So habe auch ich die letzten zwei Jahre im VBHK erlebt. Ein Team, das mit Überzeugung und Tatkraft an Lösungen arbeitet, das jedoch auch mit sehr knappen Ressourcen kämpft. Ich darf nun sechs Monate in ein Sabbatical nach Kanada und hoffe von dort dann Energie und Inspiration mitzubringen, die wir alle brauchen – für unsere Arbeit, unsere Patient:innen und unsere Berufspolitik.