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Das Magazin der Berner Haus- und Kinderärzt:innen

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Neue Daten, bekannte Ergebnisse: Der Hausarztmangel ist real

Politik

Neue Daten, bekannte Ergebnisse: Der Hausarztmangel ist real

Gleich zwei Studien machten im Herbst mit neuesten Daten aufmerksam auf die aktuelle haus- und kinderärztliche Versorgungssituation im Kanton Bern. Beide kommen sie, wie sämtliche Analysen aus den vergangenen Jahren, zum Schluss, dass der Hausärztemangel bittere Realität ist. Und: Er wird sich noch zuspitzen, denn in den nächsten zehn Jahren müssen rund 40 % aller im Moment noch praktizierenden Hausärzt:innen ersetzt werden. 

Seit 2005 führt mfe Haus- und Kinderärzte Schweiz alle fünf Jahre die so genannte Workforce-Studie durch. Die mittlerweile fünfte Ausgabe bestätigt alle Prognosen, Hochrechnungen und Befürchtungen früherer Ausgaben1. Die ärztliche Grundversorgung ist in der Schweiz mittlerweile stark überaltert. Das Durchschnittsalter liegt bei den Hausärzt:innen bei 52 Jahren. Ein wesentlicher Teil davon (12,9 %) ist über 65 Jahre alt, hat also bereits das Pensionsalter erreicht. Das Durchschnittsalter der Kinderärzt:innen beträgt knapp 50 Jahre, und auch hier übernehmen die über 65-Jährigen mit 6 % einen nennenswerten Teil der Versorgung.  

Die Teilnehmenden wurden auch gefragt, in welchem Alter sie sich voraussichtlich pensionieren lassen wollen. Anhand der daraus ermittelten Hochrechnungen zeigen die Studienautoren, dass bis 2030 insgesamt 22,3 % und bis 2035 sogar 40,2 % der aktuell praktizierenden Hausärzt:innen ersetzt werden müssen. Bis 2030, also bereits in fünf Jahren, fehlt die Workforce von rund 400 hausärztlichen Vollzeitäquivalenten. 

Versorgungskrise: Dunkelroter Kanton Bern 

Seit 2010 stellt die Workforce-Studien den Teilnehmenden Haus- und Kinderärzt:innen unverändert die Frage, ob ihrer Meinung nach ein Mangel ihrer Berufsgruppe in ihrer Region bestehe. Dabei ist über die Jahre zu beobachten, wie sich die Einschätzung zunehmend verschlechtert. In der Grossregion Nordwestschweiz, zu der Kanton Bern zählt (vgl. Abbildung 1), gaben 2010 52 % der Befragten an, dass sie einen entsprechenden Mangel in der Region beobachten. 2025 beträgt dieser Wert 94 %, der mit Abstand höchste in der ganzen Schweiz.  
 

Grafik aus: Schweizerische Ärztezeitung 11/2025 

Mehr administrative Aufgaben, weniger Zeit für Patient:innen 

Die Autoren der mfe-Workforce-Studie stellen überdies fest, dass einerseits die wöchentliche Arbeitszeit seit 20 Jahren signifikant abgenommen hat, von 50 auf gut 42 Stunden. Aus Versorgungssicht besonders relevant ist dabei die Erkenntnis, dass im gleichen Zeitraum auch die Zeit, die direkt an den Patient:innen verbracht wird, stetig zurückgegangen ist, während der Anteil an administrativen Aufgaben gestiegen ist. Insbesondere regulatorische Vorgaben, Berichterstattung an Versicherungen, das Verordnungswesen wie auch die Dokumentation binden immer mehr Zeit, stellen die Autoren fest. 

Ärztemangel in der Grundversorgung am stärksten 

Die Ergebnisse der mfe Workforce-Studie werden durch die Befunde der von der Ärztegesellschaft des Kantons Bern (BEKAG) seit zwölf Jahren durchgeführten Versorgungsumfrage bestätigt2. Im Gegensatz zur Workforce-Studie von mfe stützt sich die Versorgungsumfrage der BEKAG auf Angaben aller Fachrichtungen und nicht nur der Haus- und Kinderärzt:innen. Auch die BEKAG stützt aber die Einschätzungen der Ärzt:innen, wobei die Teilnehmenden für 24 Fachgebiete die Versorgungslage mit «überversorgt», «ausreichend versorgt» oder «unterversorgt» bewerten. Die Auswertung 2025 weist für sechs Fachgebiete auf eine deutliche Unterversorgung im Kanton Bern hin, am stärksten für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. 83 % der Teilnehmenden gaben an, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie herrsche eine Unterversorgung. Für die Erwachsenenpsychiatrie und -psychotherapie waren es 80 %, und für die Kinder- und Jugendmedizin sowie die Hausarztmedizin lag der Wert bei jeweils 72 %. 

 

Abbildung: Versorgungssituation 2025 in den verschiedenen Fachgebieten 

Ein Bild, das Text, Screenshot, Diagramm, parallel enthält.

KI-generierte Inhalte können fehlerhaft sein.Grafik aus: doc.be 5/2025 

Aufnahmestopps für Patient:innen 

Die BEKAG erhebt auch Daten zur Einführung von Aufnahmestopps. 2025 gaben 21 % aller Befragten (alle Fachrichtungen) an, gar keine und 38 % nur noch teilweise neue Patient:innen aufzunehmen. Nur 32 % wollten weiterhin uneingeschränkt neue Patient:innen aufnehmen. In der Grundversorgung scheint das Thema Patientenstopp noch deutlich akzentuierter zu sein. Darauf deuteten jedenfalls die Ergebnisse einer VBHK-Kurzumfrage unter seinen Mitgliedern aus dem Jahr 2023 hin. Von den 300 Berner Haus- und Kinderärzt:innen, die damals an der Befragung teilnahmen, gaben fast 90 % an, dass die Praxis, in der sie tätig sind, keine oder nur beschränkt neue Patient:innen aufnehmen. Ein Drittel gab an, die Aufnahme ganz gestoppt zu haben, zwei Drittel wählen ausgewählte Beschränkungskriterien an. Am häufigsten kommen dabei geografische Kriterien zur Anwendung (neue Patient:innen nur noch aus einer bestimmten Region) sowie die Beschränkung auf Familienangehörige von bereits bestehenden Patient:innen.